Die Arbeitswelt wie wir sie kennen befindet sich im Wandel. Die weitreichende Digitalisierung, die Globalisierung, der demographische Wandel und veränderte kulturelle Ansprüche an Arbeit verändern die Arbeitswelt nachhaltig und unaufhaltsam. Die digitale Revolution zwingt uns darüber zu sprechen, wie wir uns im Hinblick auf genau diese Veränderungen „Gute Arbeit im 21. Jahrhundert“ vorstellen und wie wir auf die pluralen Ansprüche an Arbeit reagieren. Denn lag früher der Fokus auf sicherer und fester Erwerbsarbeit in einem sozialen Arbeitsumfeld, sind in den letzten Jahren durch anhaltenden kulturellen Wandel Ansprüche nach Selbstverwirklichung, Zeitsouveränität und Flexibilität hinzugekommen. Diese Ansprüche existieren jedoch nicht nur seitens Arbeitnehmer*innen, auch Unternehmer*innen haben ein steigendes Interesse an der Flexibilisierung der Arbeitszeit. Jüngste Angriffe auf die gesetzlich begrenzte Arbeitszeit zeigen, dass das Verständnis von Flexibilität von Arbeitszeit bei den Unternehmen ein grundlegend anderes ist als es die Arbeitnehmer*innen und Gewerkschaften haben.

Denn ist bei vielen Arbeitnehmer*innen der Wunsch groß, flexible Auszeiten für die Pflege von Angehörigen, die Erziehung von Kindern oder auch schlicht für eine Weltreise nehmen zu können, möchten die Arbeitgeber*innen die Arbeitszeit beliebig erhöhen können und fordern die Öffnung des Arbeitszeitgesetzes. Solche Vorstöße der Arbeitgeber*innen – unter dem Vorwand der Arbeit 4.0 – auf bestehende Standards zeigen, dass wir ihnen eine sozialdemokratische Vision von guter Arbeit im 21. Jahrhundert entgegenstellen müssen.

Seit den 1980er Jahren ist ein Wandel in der Arbeitswelt spürbar geworden. Analoge Medien müssen dem Digitalen weichen. Heute arbeiten knapp 80% aller Berufstätigen mit dem Computer, Smartphone oder sonstigen Informations- und Kommunikationsmitteln.

Doch die Digitalisierung ist nicht der einzige Faktor, der unsere Arbeit so stark verändert –   große Automatisierungsprozesse haben die Stellenbeschreibungen in Betrieben und öffentlicher Verwaltung bereits langfristig verändert.

Untersuchungen zeigen, dass durch Digitalisierungs- und Automatisierungsprozesse viele Aufgaben, die Menschen mit mittlerer Qualifikation ausüben, ersetzt werden können, zudem wird auch prognostiziert das mehr Menschen z.B. in der IT- Branche tätig sein werden und dort neue Aufgabenfelder übernehmen. Wir sprechen also nicht nur, von einer großen Menge an Menschen, die durch die Weiterentwicklung in der Arbeitswelt arbeitslos werden könnte, sondern auch davon, dass viele Menschen mit mittlerer Qualifikation in andere Berufe wechseln werden müssen. Deswegen brauchen wir das Recht auf Weiterbildung. Damit Arbeitnehmer*innen die Möglichkeit haben sich in ihrem Berufsleben weiterzuentwickeln und neuen Anforderungen und Herausforderungen gerecht zu werden.
Denn neue Berufsfelder erfordern neue Qualifikationsprofile und die schnelle technologische Entwicklung fordert ein lebenslanges Lernen ein.

Die Digitalisierung gibt Arbeitnehmer*innen die Möglichkeit flexibel in der Wahl der Arbeitszeit und des Arbeitsortes zu sein. Im Büro, im Homeoffice oder im Urlaub an der Nordsee überall kann nun schnell noch ein Meeting vorbereitet oder Mails beantwortet werden. Oft kehrt sich der Vorteil der Zeit- und Ortsouveränität, den die Arbeitnehmer*innen eigentlich haben, um und wird zur Belastung. Das Smartphone ist „Always on“ und die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen immer stärker. Um dieser Entgrenzung der Arbeit entgegenzuwirken müssen wir daran arbeiten die Tarifbindung zu stärken, die Gründung von Betriebsräten zu erleichtern und gesetzliche Regelungen im Arbeitsschutz anzupassen.

Gleichzeitig bringt die Digitalisierung auch neue Arbeitsmodelle hervor. Beim sogenannten Crowd-Working stellen Solo-Selbständige auf digitalen Plattformen ihre Arbeitskraft verschiedensten Arbeitgeber*innen für einzelne Aufgaben und Projekte kurzzeitig zur Verfügung. Auch wenn es derzeit nur ein Randphänomen ist, müssen wir darauf reagieren und solche Arbeitsverhältnisse sozial absichern.

Der demographische Wandel formt unsere Gesellschaft. Die Geburtenraten sind mehr oder minder konstant niedrig und die Menschen auf dem Arbeitsmarkt werden immer älter. Schon bald wird die „Baby-Boomer“-Generation ins Rentenalter kommen und uns vor neue Herausforderungen stellen.
Der Wegfall von hoch qualifizierten Facharbeiter*innen wird die Wirtschaft belasten und stellt jetzt schon die Frage auf, wie wir dem oft beschworenen Facharbeiter*innenmangel entgegenwirken. Die Ausbildung zu stärken und ihr mehr Attraktivität zu verleihen wird ein Teil der Antwort auf diese Frage sein, dazu müssen wir die Unternehmen stärker in die Pflicht nehmen. Denn durch fehlende Ausbildungsplätze haben sie den Facharbeiter*innenmangel in Teilen selbst zu verantworten. Wir Jusos fordern deshalb die Ausbildungsplatzumlage, um Unternehmen die selbst nicht Ausbilden an der Ausbildung junger Menschen zu beteiligen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt von Arbeit 4.0 ist die Globalisierung. Viele große international agierende Unternehmen übernehmen nicht die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen oder den Schaden an der Umwelt, den z.B. der Abbau von Rohstoffen verursacht. Meist müssen die Arbeiter*innen, die am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, unter schlechtem Arbeitsschutz und mit miserabler Bezahlung ohne jede Form der Mitbestimmung arbeiten.  Die Frage, wie wir uns gute Arbeit im 21. Jahrhundert vorstellen, müssen wir auch global stellen. Wir Jusos wollen keine Globalisierung der globalen Arbeitsteilung und Ungleichheit. Wir wollen die Globalisierung progressiv gestalten und mehr aus ihr machen als nur ausgeprägten internationalen Handel. Dazu gehört auch internationale Standards bei den Arbeitnehmer*innenrechte zu schaffen.

Im nächsten Jahr wollen wir uns weiter mit Arbeit 4.0 beschäftigen und den Dialog mit den Gewerkschaften, den wir schon 2016 gestartet haben, fortführen. Wir wollen zur innerparteilichen Meinungsbildung beitragen und die für uns wichtigen Aspekte einbringen.